Lem und die Bibliothek

Dezember 23, 2006

Es ist schon erstaunlich, daß es in Stanislaw Lems Romanen zwar vor allerlei weitreichenden Erfindungen und technischen Errungenschaften wimmelt — Raumstationen mit künstlicher Schwerkraft, die Planeten in fernen Sonnensystemen umkreisen und die von atomgetriebenen (offensichtlich warpfähigen?) Raumschiffen angeflogen werden, extraterrestrisches Leben, das auf Neutrinobasis Erinnerungen materialisieren kann — beim Thema Bibliothek aber eine völlige Visionslosigkeit zu verzeichnen ist: Lems Bibliothek der Zukunft ist in der Tat die heutige Bibliothek von gestern. Da werden auf Raumstationen, wo Platz fehlt und Gewicht teuer ist, Bibliotheken mit Büchern aus Papier mit Zettelkatalogen und klassischer Verschlagwortung geführt. Lems Astronauten sind ständig auf Raumflügen mit schweren Schwarten unterwegs. Von elektronischem Papier und OPACs oder gar Volltexterschließung keine Rede. Das Fortschrittlichste, und das wird immer fast ehrfürchtig erwähnt, sind Mikrofiches. Bibliotheken gelten offensichtich als so verstaubt und reformunfähig, daß selbst ein so differenzierter Science-Fiction-Autor wie Lem keine Vision für sie hat. Bibliothekare gibt es übrigens auch noch — Trottel, die unfähig sind, Bücher richtig zu verschlagworten…

Überlegungen, wie man eine konventionelle Bibliothek an die Schwerelosigkeit anpaßt, scheint es bei Lem übrigens nicht zu geben…

In Tarkowskis Solaris-Verfilmung hat die Bibliothek sogar eine Holzvertäfelung und Kronleuchter mit Kerzen dran (der bei Schwerelosigkeit dann durch den Raum segelt).


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